Welche Faktoren sind es, die letztlich ein friedliches Zusammenleben in modernen Gesellschaften ermöglichen? Die Antwort, die Dieter Senghaas auf diese Frage gegeben hat, wird kurz als das „Zivilisatorische Hexagon“ bezeichnet. Er nannte sechs Faktoren:

1. Soziale Gerechtigkeit

Soziale Gerechtigkeit erfordert sowohl rechtliche Gleichstellung als auch materielle Gerechtigkeit. Die Kluft zwischen Reich und Arm soll weder unüberbrückbar groß sein, noch soll sie sich ständig zum Nachteil der Armen verschlechtern. Auch für die Ärmsten in der Gesellschaft muss das Existenzminimum staatlich gesichert sein. Anzustreben ist eine soziale Verpflichtung von Eigentümern sowie das Koalitionsrecht der Arbeitnehmer.

2. Gewaltmonopol des Staates

Die Verfügung über Gewaltmittel liegt bei bestimmten staatlichen Organen, wie z.B. der Polizei und den Streitkräfte. Diese können nur auf gesetzlicher Grundlage eingesetzt werden.

3. Rechtsstaatlichkeit

Die gesetzlichen Normen gelten für alle Staatsbürger. Jeder hat das Recht, öffentliche Gerichte anzurufen. Rechtsnormen regeln und begrenzen den Einsatz staatlicher Gewaltapparate.

4. Demokratische Partizipation

Die unterschiedlichen Interessen innerhalb einer Gesellschaft erfordern den öffentlichen  Streit über gesamtgesellschaftliche Normen und Ziele. Dazu sind keineswegs nur demokratische Wahlen in Vierjahresabständen ausreichend. Versammlungs- und Meinungsfreiheit sollen die öffentliche Debatte fördern. Denn der Rechtsstaat legitimiert sich über die demokratische Partizipation.

5. Interdependenz und Affektkontrolle

Die Einsicht in die gegenseitige Abhängigkeit soll in den Konflikten beachtet werden – „Gehe hundert Schritte in den Mokassins deines Feindes!“. Bei den vorhandenen vielfältigen Vernetzungen sollen Konfliktregelungen öffentlich ausgehandelt werden. Runde Tische und das Tarifrecht der Tarifparteien sind dafür ein Beispiel.

6. Konstruktive politische Konfliktkultur

Toleranz und Kompromissfähigkeit gehören zu den Regeln, nach denen politische Konflikte ausgetragen werde. Gewaltfreie Kommunikation ist die Voraussetzung für eine konstruktive Auseinandersetzung.

Die Verwirklichung dieser sechs Elemente bildet den Rahmen für eine lebendige demokratische und soziale Gesellschaft. Missbrauchsmöglichkeiten bietet insbesondere das Gewaltmonopol des Staates, wenn es mit der Einschränkung demokratischer Partizipation einhergeht.

Das Modell kann nicht angewendet werden für die internationalen Beziehungen. Krieg oder Frieden zwischen den Staaten gehorchen anderen Gesetzmäßigkeiten. Dazu mehr an anderer Stelle.


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