Der norwegische Professor Johan Galtung (*1930) gilt als einer der Väter der Friedens- und Konfliktforschung. Im Jahr 1959 gründete er das Internationale Friedensforschungsinstitut PRIO in Oslo. Seitdem hat er zahlreiche Preise für seine Arbeit erhalten, darunter auch den Alternativen Nobelpreis (1987). Auch persönlich war Galtung in Konfliktregionen auf der ganzen Welt als Vermittler tätig und hat vor allem nach dem 11. September mit klaren Analysen der Ursachen und Stellungnahmen zu den Folgen Aufsehen erregt.

In seiner Arbeit „Strukturelle Gewalt, Beiträge zur Friedens- und Konfliktforschung“ (Rowohlt, Hamburg 1984) geht Galtung von dem einfachen Satz aus: „Frieden ist die Abwesenheit von Gewalt“ (S. 8). Indes liege „Gewalt […] dann vor, wenn Menschen so beeinflußt werden, daß ihre aktuelle somatische und geistige Verwirklichung geringer ist als ihre potentielle Verwirklichung“ (S. 9).

Was bedeutet dies nun in Bezug auf unsere nicht-akademischen, alltäglichen Begriffe von Frieden und Gewalt? Niemand wird bestreiten, dass die Verletzung oder sogar die Tötung eines Menschen Gewalt darstellt (Galtung spricht diesbezüglich von direkter oder personaler Gewalt). Können aber Gesellschaften, in denen ganze Gruppen von der Partizipation an Bildung, Gesundheitswesen und vielen anderen Dingen ausgeschlossen sind – auch ohne dass sie Opfer personaler Gewalt sind –, tatsächlich als friedliche Gesellschaften bezeichnet werden?

Solche Fragen lassen sich auch auf globaler Ebene stellen: Ist es Frieden, wenn Menschen in Afrika der Zugang zu AIDS-Medikamenten verwehrt wird (wobei die Verbesserung dieser speziellen Situation in den letzten Jahren durchaus anerkannt werden muss)? Ist es Frieden, wenn zugunsten des billigen Konsums in den Industrieländern Menschen in Asien unter Bedingungen arbeiten müssen, die von unseren Mindeststandards meilenweit entfernt sind?

Derlei Fragen führen Galtung zur Einführung des Begriffs der „strukturellen Gewalt“, wobei er sich allerdings auf die Verhältnisse innerhalb von Gesellschaften konzentriert und den Begriff der „strukturellen Gewalt“ gelegentlich auch synonym mit „sozialer Ungerechtigkeit“ verwendet. Problemlos lässt sich der Begriff aber auch weiter fassen und über die nationalen Grenzen hinaus ausdehnen – vor allem dann, wenn die Beziehungen zwischen Nationen ein hohes Machtgefälle aufweisen und die jeweils stärkeren Partner die Bedingungen des wirtschaftlichen Austauschs relativ frei bestimmen können.

Passend dazu auch ein Gedicht von Bertolt Brecht, dem lange verleugneten Sohn der Stadt

Viele Arten zu töten

Es gibt viele Arten zu töten.
Man kann einem ein Messer in den Bauch stechen,
einem das Brot entziehen,
einen von einer Krankheit nicht heilen,
einen in eine schlechte Wohnung stecken,
einen durch Arbeit zu Tode schinden,
einen zum Selbstmord treiben, einen in den Krieg führen usw.
Nur weniges davon ist in unserem Staate verboten.

Aus: Bertolt Brecht, Prosa IV, Me-ti – Buch der Wendungen, Berlin und Weimar 1975


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